Die Idee der Sozialdemokratie

Ortsverein

Die Einführungsrede bei der 100-Jahr-Feier von OV Thomas Neumann stellte die Gründung der Eisinger SPD in einen historischen Zusammenhang mit den sozialphilosophischen Bewegungen jener Zeit:

Meine Damen und Herren,

Jubiläen richten ihren Blick immer nach zwei Seiten: in die Vergangenheit, indem sie – am besten nach Maßgabe „runder“ Zahlen – Anfangspunkte ausmachen und diesen Anfangspunkten eine gewisse Bedeutungskraft zuschreiben. Zum anderen aber liegt es im Wesen einer Rückschau, über die Station der Gegenwart in die Zukunft zu blicken: Das ist der einfache Sinn jedes geschichtlichen Denkens, das nicht, um es mit einem Wort des Philosophen Friedrich Nietzsche zu sagen, nur „archivalisch“ (man kann auch sagen: wie ein Hamster) an die historische Welt und ihre „Tatsachen“ herangeht.
„Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ hat dieser Philosoph denn auch eine seiner Unzeitgemäßen Betrachtungen genannt und uns darin aufgefordert, Geschichte, Vergangenheit, gelebtes Leben produktiv zu betrachten und immer auch im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft zu beschreiben. So kann man auch gut einen Bogen spannen zu einem Philosophen aus der jüngeren Vergangenheit, zu Ernst Bloch, der eindrucksvoll gezeigt hat, dass alles Leben, dass alles menschliche Leben in irgend einer Form wünschend und wollend auf Zukunft gerichtet ist, dass also der Geist der Utopie, das Prinzip Hoffnung zutiefst humane Wesensmerkmale sind.

Hätten unsere Vereinsgründer im Jahre 1909 nicht diesen Blick in eine nähere oder fernere Zukunft gehabt, hätten sie sich mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden gegeben, so wären sie wohl gar nicht auf den Gedanken gekommen, sich in einer politischen Vereinigung zusammenzuschließen.

Sich politisch zu engagieren heißt immer, die Gegenwart zu übersteigen und sein Leben und das seiner Mitmenschen auch im Hinblick auf Zukunft zu gestalten.

Halten wir uns ruhig die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten neun Jahre nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vor Augen. Wir stehen im Zeitalter des klassischen Wilhelminismus, einer Epoche, die auf die Autoritäten des Adels, des Junkertums, des Militärs, der allgemeinen hierarchischen Ständeordnung setzt – bei allen äußerlich schon vorhandenen quasi „demokratischen“ Möglichkeiten. Zur Erinnerung: das allgemeine Wahlrecht (für Männer!) wurde erst 1867 (im Norddeutschen Bund) bzw. 1871 (im Deutschen Reich) eingeführt, das Wahlrecht für Frauen gar erst 1919!
Wilhelm der Zweite, oder wie man auch gern sagte: „Willemzwo“, das ist in den Worten des von den Nazis 1938 in den Suizid getriebenen Kulturphilosophen Egon Friedell ein Mensch, der „wie unter einem geheimen Fluch, Fehler auf Fehler häufend, in allem scheiterte“... „er wollte ein Weltreich schaffen und was er erreichte, war der Weltkrieg“.

Das sollten wir uns hier und heute so recht plastisch vorstellen: in einem durchaus autoritär, bisweilen polizeistaatlich organisierten „System“ finden sich bei uns in Eisingen Menschen zusammen, die auf Werte rekurrieren, Werte, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Nachfolge der Aufklärung mit dem Philosophen Immanuel Kant und in der modifizierten Nachfolge der idealistischen Philosophie eines Georg Wilhelm Friedrich Hegel im wahrsten Sinne des Wortes „revolutionär“ waren und die über Marx und Lassalle auch breiteren Schichten zugänglich wurden. Es sind dies die Werte Freiheit des Einzelnen und die Gleichheit (die Solidarität – in heutiger Sprache) der Menschen untereinander.
Fünf Jahre vor dem sog. „Ausbruch“ des Ersten Weltkriegs (allerdings: Kriege brechen nicht aus, sondern werden von Menschen gemacht) stellen sich in Eisingen Männer (und möglicherweise auch Frauen, darüber wissen wir leider nichts) mit ihren gemeinsamen Idealen gegen die konservativen Werte des Wilhelminismus, des Kaisertums „von Gottes Gnaden“. Sie gründen einen demokratisch verfassten „Verein“, wohl wissend, dass ihnen das in ihrem täglichen Leben in jener Zeit sicher keine Vorteile, sondern im Gegenteil eher deutliche und gewisse Nachteile bringen wird.

Was mag diese Menschen geleitet haben? Sicher nicht der Wunsch nach einfacher und beliebiger „Vereinsmeierei“ – dann hätten sie auch einen Gartenlaubenverein gründen können, von denen es zu jener Zeit viele gab! Nein, es muss bei ihnen die – sozusagen philosophische – Idee wirksam gewesen sein, dass es Sinn und Aufgabe des Einzelnen im Leben ist, Gemeinschaft in Freiheit und Solidarität nicht nur im engeren familiären und nachbarschaftlichen Kreis zu leben, sondern auch gemeinschaftlich politisch „nach außen“ hin zu wirken.

Ich stelle mir vor, dass diese Menschen in Eisingen nicht unbedingt der Klasse der ausgebeuteten, erniedrigten und verelendeten Fabrik-Arbeiter angehörten wie wir sie aus der damaligen Zeit in den klassischen Zentren Schwerindustrie (etwa im Ruhrgebiet) kennen. Hier in Eisingen hatte man wohl mehr oder weniger „sein Auskommen“ und vielleicht auch eine gewisse materielle Sicherheit, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Umso mehr anzuerkennen und zu bewundern ist es dann, dass sich diese Menschen einfacher, aber „gültiger“ Ideale wegen zusammenfanden, die sich nicht in einem bloß materiellen Zweckdenken fassen lassen.

„Idealismus“, wenn man so will, war ja letztlich auch die unterschwellig treibende Kraft in den geschichtsphilosophischen und politischen Entwürfen eines Marx, Engels und Lassalle, auch wenn dies eine „materialistische“ Tradition der politischen Philosophie lange nicht so sehen wollte.

Erstaunlicherweise (oder auch notwendigerweise) gab es genau um die Zeit, in der in Eisingen die Sozialdemokratie sich konstituiert, eine starke Bewegung in der deutschen Philosophie, die sich auf den Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant berufend „Neukantianismus“ nannte und die in verschiedenen Ausprägungen einen ethisch begründeten „Sozialismus“ lehrte. Die Universitätsphilosophen strebten damals danach (anders als es heute leider der Fall ist), die Grenzen der theoretischen Vernunft in ihrem Elfenbeinturm zu übersteigen und praktisch zu „wirken“, durchaus auch in der sozialdemokratischen Partei. Viele Universitätslehrer waren damals engagiert in Volksbildungseinrichtungen und außeruniversitären Bildungsstätten.
Da gab es philosophische Schriftenreihen mit dem Titel „Wege zum Sozialismus“ oder „Kant und der Sozialismus“, da waren Universitätsphilosophen plötzlich zu Politikern geworden, wie im Falle von Thomas G. Masaryk, der eine längere Zeit gar Staatspräsident der neu gegründeten Tschechoslowakei war. Und in der Sozialdemokratie gab es eingehende – philosophische – Debatten um eine angemessene theoretische Fundierung des politischen Programms.
Keine geringeren als die berühmten Neukantianer Hermann Cohen, Paul Natorp, und Karl Vorländer sind hier zu nennen.
Es geht all diesen Philosophen darum, der sozialistischen Bewegung eine wahrhaft „theoretische“, im kantischen Sinne „apriorische“ Begründung zu geben. Und dies ist eine Begründung, die im Wesen des Menschen selbst, in seiner anthropologischen Verfasstheit die Wurzeln und die Notwendigkeit zu gemeinschaftlichem und solidarischem, schlicht zu politischem Handeln sieht.

Hatten Marx und Engels den Entwurf ihrer Gesellschaftstheorie noch auf einer induktiven Interpretation historischer (in ihrer Sprache: „materieller“) Tatsachen aufgebaut, also einen „notwendigen“ Gang der kapitalistischen Geschichte vorausgesetzt, so zeigen die Philosophien des ethischen Sozialismus, dass es im Wesen des Menschen selbst liegt, gemeinschaftlich und „sozial“ von Grund auf zu sein, dass sein theoretisches Denken und sein praktisches Handeln immer schon unter dem Prinzip des „kategorischen Imperativs“ steht und zwar in seiner allgemeinsten Fassung, wie wir sie bei Kant selbst finden:

„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit ... als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

Der Gang der Geschichte ist immer eine Bewegung aus Freiheit nach Maßgabe des moralischen Gesetzes in uns – dies allein ist Richtschnur und Maßstab gesellschaftlichen Handelns.

Der Neukantianer Karl Vorländer schreibt dazu: „Der wahre und wirkliche Zusammenhang des Sozialismus mit dem kritischen Philosophen (Kant) ist vielmehr im „rein Moralischen“ gegründet, in den ... Konsequenzen jener einfach-erhabenen Formel des kategorischen Imperativs, die uns die Menschheit in der Person eines jeden Mitmenschen jederzeit ... als Selbstzweck, niemals bloss als Mittel zu achten lehrt. Auf diesem Fundamente muss der Sozialismus bauen, wenn anders er überhaupt nach einer ethischen Begründung verlangt“. Soweit unser Philosoph an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, neun Jahre vor Gründung unserer Eisinger SPD.

Nicht der zwangsläufige Gang der (kapitalistischen) Geschichte macht es nötig, einen Ausgleich zwischen den Interessen der Klassen zu finden – und sei es nach Marx und Engels in einer „Revolution“ – so die Aussage der neukantianischen Sozialisten. Vielmehr ist der Mensch als Menschenwesen so konstituiert, dass es in seiner „Denkungsart“ liegt (wie es damals hieß), den anderen, den Mitmenschen als gleich und als gleichwertig anzusehen, wenn er sich denn selbst als menschliches Wesen betrachten will.
Nicht zuletzt auf diesen Erkenntnissen der Aufklärung beruht auch unsere heutige Rede von der „Würde“ des Menschen oder von der „Humanität“ im allgemeinen, und nur deshalb auch macht es auch Sinn, von allgemeinen Menschenrechten zu sprechen.

Verzeihen Sie mir bitte diesen Exkurs in die Philosophiegeschichte: aber ich meine, wir können auch heute in unserer sozialdemokratischen Diskussion von diesen engagierten Denkern des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts lernen. Sie haben uns gezeigt, dass unsere sozialdemokratische „Philosophie“, so darf ich jetzt sagen, eine wohl begründete ist. Anders als etwa der Liberalismus oder eine auf einem „Offenbarungs“glauben ruhende sogenannte christliche Weltanschauung (die ja zwangsläufig immer im Widerstreit mit anderen „Offenbarungs“religionen stehen muss), hat diese sozial-demokratische Idee einen wahrhaft „allgemeinen“ und damit auch allgemein verbindlichen Charakter.
Kurz gesagt: ein Denken, das den Menschen als Menschen angemessen erfassen will, kommt nicht darum herum, ihn in seiner grundlegenden Sozialität zu begreifen – übrigens ein Gedanke, der dem klassischen Altertum (z.B. bei Aristoteles) durchaus auch schon vertraut war.

Und auf diesem Denken gründet, einfach gesagt, die „Ideologie“, die Idee der Sozialdemokratie – von ihren Anfängen bis heute.

 
 

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